Best Practice: Wie bringt Berlin Clubkultur in den öffentlichen Raum?

Öffentlicher Raum ist begehrt, nicht zuletzt, um dort zu tanzen. In Berlin schafft die Draussenstadt kulturelle Oasen. Wie funktioniert das Projekt? Wir haben beim Projektleiter Johannes Grüss nachgefragt.

Was ist die Draussenstadt?

Johannes Grüss: Das sind 13 Orte der urbanen Praxis. Wir von der Clubcommission Berlin stellen viel von der Infrastruktur, verschiedene Kollektiven betreuen die Flächen und ihre vielfältigen Veranstaltungen, die im Sommer 2021 stattgefunden haben.

Mit den Model Spaces habt ihr bereits Erfahrungen mit Clubkultur im öffentlichen Raum gesammelt? 

Johannes Grüss: Die Clubcommission Berlin hat 2015 Workshops organisiert, um die Frage von nicht angemeldeten Veranstaltungen ins Bewusstsein zu heben. Dabei sollten Veranstalter*innen gemeinsam mit der Polizei und der Behörde ein Verständnis für gewisse Regeln auf beiden Seiten aufbauen. Diese Workshops veranstalten wir heute noch, daran nehmen zwischen 50 und 80 junge Menschen teil.

Model Spaces war ein Forschungsprojekt zusammen mit der TU Berlin, genauer dem Institut für Stadt- und Regionalplanung. Dort wurde untersucht, ob es Kriterien dazu gibt, welche Flächen gut geeignet sind, um auf einer dieser Flächen Testveranstaltungen durchzuführen. Dieser Katalog ist gut gelungen. In der Praxis wurde außer einer Testveranstaltung nichts genehmigt. Letztlich gab es einen umfangreichen Bericht, aber keine Praxiserfahrungen.

Warum wurden keine Model-Spaces-Veranstaltungen umgesetzt?

Johannes Grüss: Weil die Genehmigung der Ämter nicht vorlag. Sie hatten Angst, dass ein Präzedenzfall geschaffen wird. Wir hatten Parks und Grünanlagen untersucht - darunter nur Parks, in denen schon Veranstaltungen stattgefunden hatten. Ämter haben Angst, dass dadurch mehr Veranstalter*innen angezogen werden. Selbst für die abgelegensten Parks. 

"Das war witzig, weil es vorher hieß: Nein, das könnt ihr doch nicht machen."

Was haben die Model Spaces mit der Draussenstadt zu tun? 

Johannes Grüss: Model Space war 2018. Wir von der Clubcommission Berlin haben dann mit dem Projekt „Kultur im Grünen“ wieder von vorne angefangen. Dabei wurde untersucht, unter welchen Bedingungen Veranstaltungen in Grünanlagen genehmigt werden könnten. Dabei haben wir Flächen aktiv gescoutet. Es gab außerdem ein Projekt zur Fortbildung von jungen Eventmanager*innen, das hieß Freiflächenentwicklung und Fortbildung. Da haben wir viel gutes Feedback erhalten, aber wenig mit den Flächen gemacht.

Bei der ersten Covid-19-Lockerung im Sommer 2020 wurde deutlich, dass das in die Praxis überführt werden muss. Es gab wieder ein Genehmigungsproblem. Parallel wurde zum Thema Draussenstadt eine Ausschreibung gemacht, die zurückgezogen werden musste, weil es keine Flächen gab. Das heißt, man hatte Geld, aber keine Flächen. Das Projekt lag auf Eis. 2021 wurde dann Kultur im Grünen und Draussenstadt zusammengelegt. Das war auch erstmalig in Berlin, dass da zwei Senatsverwaltungen für ein Projekt zusammenarbeiten. Das war witzig, weil es vorher hieß: Nein, das könnt ihr doch nicht machen.

Und nun sind wir Draussenstadt. Wir haben uns mit einem neuen Projekt Flächen angeguckt. Das Team ist von drei auf neun gewachsen – selbst das reicht noch nicht. Dieses Team hat 13 Flächen identifiziert. Diese Flächen, Martina, diese Flächen sind großteils keine Grünanlagen, sondern Brachen. Zur Hälfte sind sie privat, also Baulücken oder Parkplätze, zur Hälfte gehören sie dem Land Berlin.

"Wir haben erst einmal genommen, was wir kriegen konnten."

Wer hat diese Flächen bestimmt? Welche Ansprüche mussten erfüllt werden?

Johannes Grüss: Wir haben erst einmal genommen, was wir kriegen konnten. Der Anspruch war, dass niemand näher als 250 Meter wohnt, dass es öffentlichen Nahverkehr gibt, weil unser Publikum mit Tram, oder S-Bahn oder U-Bahn kommt, dass die Fläche einladend ist.  Wir haben zudem Schallschutzgutachten machen lassen, um herauszufinden, ob die Grenzwerte passen. 

Wir hatten auch Flächen neben Rathäusern oder in Fußgängerzonen angeboten bekommen, die sind aber ungeeignet. Zudem gab es einen Aufruf an die Bezirke. Die zwölf Berliner Bezirke haben über die Kulturverwaltung eine große Zahl an Flächen vorgeschlagen. Als wir diese mit dem Ordnungsamt und Straßen- und Grünflächenamt besprochen haben, meinten die, das wäre nie abgesprochen worden und dass das alles gar nicht geht. Am Ende blieb von all den Flächen, die aus den Bezirken kamen, keine übrig. Die Kulturleute hatten nicht mit den anderen Ämter geredet. Und die waren dann dagegen.

Also haben wir uns natürlich auf unsere eigenen Flächen konzentriert und uns im Team entschieden, welche Flächen wir nehmen können. 

Also seid ihr zu den Eigentümer*innen und habt gefragt, ob sie mit euch kooperieren wollen. Und die Veranstaltungen müssen normal angemeldet werden?

Johannes Grüss: Genau. Wir haben inzwischen für fast alle privaten oder für alle privat-nutzbaren Flächen Mietverträge. Für die öffentlichen Straßen haben wir eine Sondernutzung für jede Veranstaltung. 

Welche Auflagen müssen die Veranstalter*innen im Rahmen von Draussenstadt erfüllen?

Johannes Grüss: Wir hatten einen Bewerbungsprozess bei ‘Kultur im Grünen’. 26 Kollektive haben sich beworben. Die wurden in Workshops und Seminaren als Veranstalter*in auf so einer Fläche geschult. Mit den Kollektiven wurde ein Vertrag abgeschlossen über die Einhaltung diverser Regeln, über die Art der Veranstaltung, über maximale Zahl der Besucher*innen, über Infektionsschutzregeln. Sie müssen verantwortliche Personen benennen, für Booking und Inhalte, für Technik, für Finanzen, Buchhaltung und Abrechnung und insbesondere für Beschallung. Das war für einige Kollektive schon eine echte Aufgabe. 

Ein Kollektiv bestimmt also für jeweils eine Fläche, was passiert?

Johannes Grüss: Genau. Sie tragen die Verantwortung und sollen das ein Stück weit kuratieren, sich ein Publikum heranziehen. Das ist ein bisschen ein Übungsfeld. Wir sehen diese Kollektive als mögliche Clubbetreiber*innen in der Zukunft, die sich auf einer Open Air Fläche ausprobieren. Nach einem halben Jahr kann man das zurückgeben, hat keine Verpflichtungen, keinen Mietvertrag, kein Personal und kann dann immer noch überlegen, ist das jetzt was für uns. Sollten wir die Draussenstadt im nächsten Jahr wiederholen, können neue Kollektive kommen. 

Wie handhabt ihr die Infrastruktur? Muss alles hin- und abtransportiert werden? 

Johannes Grüss: Infrastruktur wie Personal, wie Bar oder keine Bar oder Soundanlage ist Sache der Kollektive. Sie müssen sich um Reinigung und Sicherheit kümmern. Wir sorgen im Gegenzug für die geländebezogene Infrastruktur, wir stellen die Bühne hin, Komposttoiletten, Zelte, Hygienematerial, Handwaschbecken oder Absperrungen. Wir sorgen für den Stromanschluss und die technische Infrastruktur. All das stellen wir kostenlos zur Verfügung. Dafür haben wir auch Budget von der Verwaltung bekommen. 

Wir versuchen die Infrastruktur stehen zu lassen, Absperrungen, Bühnen. Dafür haben wir ein eigenes Team, die sich für jeden Ort um Aufplanung kümmern und dafür, dass es dort steht.

Wer haftet, wenn etwas passiert?

Johannes Grüss: Wir haften. Wir von der Clubcommission Berlin sind die Veranstalter. Wir sind auch die Besteller. Dafür haben wir eine Versicherung abgeschlossen. 

Wie groß sind die Veranstaltungen? 

Johannes Grüss: Kleinere Veranstaltungen haben bis zu 199 Personen. Laut Bauordnung muss eine Fläche dann nicht als Veranstaltungsfläche ausgewiesen werden. Wenn dort regelmäßig größere Veranstaltungen stattfinden, muss laut Bauordnung ein Antrag auf Genehmigung einer Versammlungs- oder Veranstaltungsstätte gestellt werden. Das dauert zwischen sechs und 18 Monate. Deswegen haben wir mit allen Stadtplanungsämtern pandemiebedingt vereinbart, dass wir eine Duldungsregelung machen. Als Club Commission beschränken uns auf kleine Veranstaltungen. Komplexe Produktionen sind nicht unser Metier. Das müssen Kollektive und Künstler*innen selbst organisieren und genehmigen lassen. 

Wir dürfen im Moment maximal 1.000 Personen auf eine Fläche lassen. Das ist auch ein Risiko. Wir merken, dass unsere Kollektive dabei an ihre Grenzen kommen. Wir empfehlen deshalb klein anfangen, dann wachsen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Kollektiven?

Johannes Grüss: Das ist ein Lernprozess von beiden Seiten. Das Ganze professionalisiert sich zunehmend. Die Kommunikation ist intensiv, etwa alle zehn Tage gibt es eine Feedback- und Inforunde. Wir schalten alle Kollektiv zusammen, um alle im Gestaltungsprozess mitzunehmen, reden darüber, was passiert ist, über Gutes, weniger Gutes, über Ideen und Herausforderungen. Letztlich ist das ein Festival in der ganzen Stadt, das ein halbes Jahr dauert. Wir geben uns sehr viel Mühe und verwenden viel Zeit auf diese interne Kommunikation, auch um schlechte Stimmung oder Kritikpunkte ansprechen zu können. Viele haben mit dieser Art von Veranstaltung noch keine Erfahrung und sind dann sehr dankbar, wenn wir uns so intensiv austauschen. 

Wann ist Sperrstunde? 

Sehr strikt um 22:00 Uhr. Das ist in Berlin offiziell der Beginn der Nacht. Wir könnten das jetzt vielleicht mit viel politischer Mühe um ein oder zwei Stunden ausdehnen. Aber wir beobachten, dass sich Bürger*innen durch die lange Pandemie an die Ruhe gewöhnt haben. Dazu kommt, dass wir bei der Clubcommission inzwischen 334 Mitglieder haben, darunter viele Clubs, die auch Open Airs veranstalten. Ihnen wollen wir ja auch keine Konkurrenz machen – schon gar nicht kostenlose Konkurrenz. 

"Spontan geht in Berlin gar nichts."

Waren die Anrainer*innen in der Konzeption eingebunden? Wie geht ihr mit Beschwerden um? 

Johannes Grüss: Wir haben kleine Testveranstaltung gemacht, dazu werden Anwohner*innen mit Aushängen an Stiegen und in Hauseingangstüren informiert. Das heißt, sie wissen, wer Veranstalter*in ist, von wann bis wann es geht, an wen sie sich wenden können, wer tatsächlich erreichbar ist. Wir haben sogar extra Telefonnummern angeschafft, damit die Clubbetreiber*innen und Veranstalter*innen nicht ihre private Nummern angeben müssen. So kommen die Beschwerden eher bei uns an und nicht bei der Polizei. Das ist ein Riesenvorteil, wenn man direkt mit den Anwohner*innen sprechen kann. Wir versuchen in den Dialog zu gehen und mit den Ämtern Nachbesprechungen zu machen. Das heißt, dass wir die Leuten fragen: Wie war die Veranstaltung für sie, welche Beschwerden gibt es, welche Vorkommnisse. So kann man sich gegenseitig verstehen und lernen. 

Einige Bezirke haben quasi Lotsen installiert, die neben ihrer Tätigkeit in der Verwaltung auch noch ein Stundenkontingent für Künstler*innen oder Kollektive haben, um Genehmigungsverfahren zu moderieren oder Konflikte zu minimieren, bei Anträgen oder Fristen - bis zu neun Wochen - zu helfen. Spontan geht in Berlin gar nichts. Es muss alles immer schon ganz lange vorher feststehen. 

Wohin entwickelt sich Berliner Clubkultur im öffentlichen Raum? 

Johannes Grüss: Das ist schwer zu sagen. Ich bin sehr vorsichtig bei den vielen nicht angemeldeten Veranstaltungen. Die Politik möchte, dass wir diese verhindern, aber das können wir nicht. Es gibt Menschen, die gerne Dinge tun, die nicht erlaubt sind und gerne tanzen, wo das nicht vorgesehen ist. Und es gibt Leute, die das Risiko eingehen, dass ihre Anlage beschlagnahmt wird. Diese Szene werden wir nicht ersetzen können – das ist völlig klar. Es gibt aber auch viele, die sich über eine bestehende Infrastruktur freuen. 

Was sind die ersten wichtigsten Learnings aus dem Prozess? 

Johannes Grüss: Dass wir noch viel früher anfangen müssen.

Johannes Grüss organisiert seit 1985 Großveranstaltungen, Festivals und Konferenzen, wie z.B. Umwelttag, Loveparade Berlin, Street-Parade Zürich, Fifa Worldcup, Uefa Euro, Art Basel Miami, uvm. Seit 2018 ist er als Berater für die Regierung und die Bezirke von Berlin tätig. Er hat sich auf Open-Air- und Festival-Kultur und Lobbyarbeit für Clubkultur in der Clubcommission Berlin spezialisiert.

Bei der Stadt Wien wurde im Mai 2021 die Petition “Zugangserleichterungen für die kulturelle Nutzung öffentlicher Orte” eingebracht. Sie kann auf der Petitionsplattform der Stadt Wien unterschrieben werden.

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